Rezension von Cimolino et al. von Innenangriff aus der Reihe: Technik – Taktik – Einsatz

Das als Überschrift dieser Rezension benutzte Zitat aus dem Buch „Innenangriff“ bringt das Ziel der Publikation auf den Punkt: Hilfestellung für eine korrekte Ausbildung. In Abwandlungen wiederholen die Autoren diese Aussage, da eine in Wissen und Können feststellbare Diskrepanz bei deutschen Feuerwehren herrsche. „Innenangriff“ versucht deshalb insbesondere Fortgeschrittenen eine Übersicht über den aktuellen Stand der Technik und der wissenschaftlichen Forschung zu geben. Das ist der inhaltliche Unterschied zu einer ähnlichen, älteren Publikation der Autoren.[1] Zugleich bemühen sich die Autoren den Umfang auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Eindruck einer rein wissenschaftlichen Abhandlung zu vermeiden. Deutlich schreiben sie, dass praktisches Wissen und Training Voraussetzung für das Verständnis des Buches sind.

Erwartet das Unerwartete

Beim Lesen des Buchs zeigt sich schnell, dass Brandbekämpfung keine einfache Angelegenheit ist und neben dem Wissen um korrekte Begriffe und den dahinter stehenden Brandphänomenen und Zusammenhängen, ein hohes Maß an Ausbildung und Wissen erforderlich ist, um entsprechende Situationen als Einsatzleiter, Gruppen- oder Strahlrohrführer einschätzen zu können. „Erwartet das Unerwartete“ ist deshalb Ziel der (Realbrand)Ausbildung. Zugleich gilt es Übungslagen zu variieren, Flexibilität und das Umschalten zwischen verschiedenen Löschverfahren müssen im Mittelpunkt stehen. Der Strahlrohrführer muss für effektive Brandbekämpfung gute Kenntnisse über Brandverläufe und -phänomene haben. „Jede Löschtaktik ist nur so gut, wie der jeweilige Strahlrohrführer“ (S. 79) und „(d)er Erfolg einer Löschmaßnahme hängt massiv von der Fertigkeit beziehungsweise Routine des Strahlrohrführers bei der Handhabung des Löschgeräts ab, vermutlich in höherem Maße als von der vermeintlichen Löschtechnik“ (S. 113).

Der wissende und mitdenkende FA

Als Feuerwehrangehöriger gilt es Indikatoren zu erkennen, die auf extreme Brandphänomene hinweisen und die die entsprechende Taktik nach ziehen. Die Autoren erklären die Unterschiede bei den Brandverläufen, machen aber deutlich, dass die Grenzen schwimmend sind und der Feuerwehrangehörige immer das Unerwartbare erwarten sollte. Überlebenswichtig ist es, statt Wasser zu sparen, wie es oftmals gelehrt wird, „…müssen (Strahlrohre) hinsichtlich ihrer Wasserlieferung der potenziellen Wärmefreisetzungsrate entsprechen“ (S. 50). Der ideale Strahlrohrführer denkt mit und antizipiert aufgrund seines Wissens die Wasserabgabe! Denn die eine Wunderlöschmethode existiert nicht. Brandbekämpfung ist immer dynamisch und passt sich den Gegebenheiten an. Trotz allen Löschtaktiken gilt, dass „(e)in Brand … nur durch direkte Brandbekämpfung gelöscht werden kann“ (S. 103).

Je einfacher – desto besser

Die Autoren sparen nicht mit Kritik, was die Art, Form, Inhalt und Durchführung der Ausbildung in Deutschland betrifft. „Zusammenfassend ist zu beobachten, dass die Fahrzeug- und Gerätetechnik zunehmend mehr zu einer Belastung als zu einer Hilfe wird. Es ist für den Einheitsführer mangels Ausbildung bzw. fehlender eigener Erfahrungen oft unmöglich, die taktischen Vor- und Nachteile eines Gerätes oder einer Technik genau zu beurteilen“ (S. 156).

So trainieren Feuerwehrangehörige bspw. die Rauchschichtkühlung wegen der intensiven Nutzung von gasbefeuerten Anlagen gar nicht oder nicht zielgerecht. Die Autoren setzen dem zwar erfolgreiche Beispiele aus anderen Ländern entgegen, nur darf der Leser nicht vergessen, dass der freiwillige Anteil in Deutschland deutlich größer – und kleinteilig-dezentraler – als in anderen Ländern ist, mit allen daraus resultierenden Herausforderungen. Bildlich gesprochen schreiben die Autoren gegen Windmühlen, weshalb die Autoren letztlich für die jeweils „einfachere“ Methode plädieren. „(…) Aus Sicht der Taktik und Technik zur Innenbrandbekämpfung kann auch hier gesagt werden: Je einfacher – desto besser“ (S. 157).

Die Ausführungen sind verständlich, setzen aber Wissen und eine gewisse Erfahrung und vor allem Bereitschaft voraus, sich auf neuere Erkenntnisse einzulassen. Cimolino et al. bieten eine knappe, aber gute und verständliche Darstellung der chemisch-physikalischen Zusammenhänge, die mit Stichpunkten zur Übersichtlichkeit beiträgt und immer im Kontext bleibt. Das Buch zeigt aber auch, wie schwer „neue“ – und wir reden hier teilweise von 20 Jahren – Erkenntnisse ihren Weg in die praktische Ausbildung finden. „Es ist in Deutschland noch ein weiter Weg, um eine einigermaßen, ausreichende, grundalgenbasierte, theoretische und praktische Ausbildung zur Brandbekämpfung mindestens aller unter Atemschutz eingesetzten sowie direkt Befehle erteilenden (…) Feuerwehrangehörigen zu erreichen“ (S. 177).

Bliografische Daten

Ulrich Cimolino, Martin Fuchs, Adrian Ridder, Jan Südmersen: Innenangriff. Aus der Reihe: Technik – Taktik – Einsatz. Landsberg am Lech: ecomed 2018. 190 Seiten, Softcover, ISBN 978-3-609-77497-8, 17,0 x 24,0 cm, Erscheinungsdatum: 26.10.2018, EUR 34,99.-

Fußnote

[1] Adrian Ridder, Ulrich Cimolino, Martin Fuchs, Jan Südmersen, Guido Volkmar: Brandbekämpfung im Innenangriff. Flashover und Backdraft, Löschmethoden, Einsatztaktik, Realbrandausbildung. Aus der Reihe: Einsatzpraxis. 1. Auflage. Heidelberg: ecomed Sicherheit 2013; 304 Seiten; Hardcover; ISBN 978-3-609-77499-2. Vgl. „Feuer und Rauch lesen lernen. Buchbesprechung von Brandbekämpfung im Innenangriff aus der Reihe Einsatzpraxis“ in Feuerwehr Weblog vom 18.12.2013, zuletzt abgerufen am 14.01.2019. Jan Südmersen, Ulrich Cimolino: Brandbekämpfung im Innenangriff. Aus der Reihe: Standard-Einsatz-Regeln. Heidelberg et al. ecomed Sicherheit 2014; 82 Seiten; Softcover; ISBN 978-3-609-69718-5. Vgl. „Innenangriff sicher und effizient. Rezension von Brandbekämpfung im Innenangriff aus der Reihe Standard-Einsatz-Regeln“ in Feuerwehr Weblog vom 23.09.2014, zuletzt abgerufen am 14.01.2019