Eine Kolumne von Stefan Cimander

Feuerwehrleute beim Löschen

„Traditionspflege ermöglicht das Bewahren und Weitergeben von Werten und Vorbildern, die sinnstiftend sind“ heißt es in dem Ende vergangenen Jahres durch das Bundesministerium der Verteidigung zur Diskussion gestellten Entwurfs des neuen Traditionserlasses für die Bundeswehr.[1] Tradition und das Militärische sorg(t)en in Deutschland für bizarre Erscheinungsformen in den Kasernen und den Medien. Mich führte das zu der Frage, was Tradition für die Feuerwehr bedeutet? Und ob wir Tradition in Form der Sinnstiftung benötigen?

Tradition als Leitlinie

Nun lassen sich Bundeswehr und Feuerwehr allein deshalb schlecht vergleichen, weil die eine Organisation bundeseinheitlich organisiert ist, während die andere ein Flickwerk kommunaler Gestaltung darstellt. Gut beide „bekämpfen“ das Feuer, entweder das feindliche oder das redoxreaktive; beide tragen Uniformen; beide fahren dicke Schlitten; beide haben Fahnen, … Sicherlich lassen sich noch mehr Gemeinsamkeiten finden. Die Bundeswehr hat zumindest auf dem Papier der Feuerwehr etwas voraus, nämlich die Definition dessen, was unter Tradition zu verstehen ist und was nicht. Sie bekommt mit dem Traditionserlass eine Leitlinie, was innerhalb der Organisation als Vorbild zu werten ist und welche Werte sich hieraus ergeben.

Die Wikipedia definiert Tradition als „die Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen und Glaubensvorstellungen u. a. oder das Weitergegebene selbst (das Traditum, beispielsweise Gepflogenheiten, Konventionen, Bräuche oder Sitten).“[2]

Meißen, Metz und Magirus

Sicher, dem Feuerwehrwesen sind implizite, an keiner Stelle explizit niedergelegte Werte inhärent, die dem, was Tradition ausmacht, sehr nahe kommt. Wir helfen allen in Not geratenen Menschen, uneigennützig und unabhängig von Ansehen, Herkunft, Geschlecht oder sonstiger Orientierung.[3] Allerdings sind diese Werte für sich reichlich abstrakt und, wie in der Causa des Traditionserlasses der Bundeswehr, lassen sich Werte besser an Orten oder Personen festmachen.

Als im Südwesten beheimateter Feuerwehrangehöriger ist die Frage nach Tradition im Feuerwehrwesen für mich schnell und vor allem reflexhaft beantwortet: der heilige St. Florian und das Turnerwesen. Zumindest war sie in jüngeren Jahren in dieser Form schnell beantwortet. Und in der Tat ist die Frage nach der Tradition in der Feuerwehr ein Stück weit immer der Verweis auf die Brandschutzgeschichte, auf Meißen, Metz und Magirus.

Ein Widerschein ohne Inhalt

Zwar fallen immer wieder munter die Begriffe Turnerbewegung, Mitbestimmung, Demokratie, 48er-Revolution, zudem sind die beiden Herren aus Baden und Schwaben mit von der Partie, dabei geschieht das meist oberflächlich. Davon, dass Metz und Magirus geschickte Geschäftsleute waren und die Freiwilligen Feuerwehren nach dem Niederschlagen der Revolution schleichend zu obrigkeitsstaatlichen Instrumenten der Militarisierung der wilhelminischen Gesellschaft wurden, darüber reden die Feuerwehren nicht, stattdessen pickt sich jeder das heraus, was einem gerade in die Argumentation passt. Selbst an die körperliche Leistungsfähigkeit der sich meist aus der Turnerbewegung rekrutierenden Steigerkompanien reicht heute so mancher Angehöriger der Feuerwehr nicht mehr heran.

Stattdessen beinhaltet das Zelebrieren der Tradition bizarre Erscheinungsformen wie das Tragen der Paradeuniform zu jedem Anlass, das Überziehen von Helden-T-Shirts[4], das Marschieren mit Fahne und Fanfaren im Gleichschritt, das Festhalten an religiöser Symbolik, das Bewahren vergangener Technik, das Hochhalten der Wahl der Führungskräfte. Sicher, kommunal, lokal und regional, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land gibt es unterschiedliche Auslegungen dessen, was mit Tradition gemeint ist. Im Zweifel ist das Ganze kollektiv und subjektiv konstruiert und dient der Abwehr von alle dem, das nicht in das eigene Weltbild passt!

Tradition als buntes Allerlei

Deshalb hat sich zumindest bei mir ein abwehrender Reflex, eine Alarmsirene entwickelt, die anspringt, sobald Feuerwehr und Tradition/Brauchtum/Geschichte zusammen in einem Satz Erwähnung finden. Mir stellt sich dann die Frage, ob wir im Flickenteppich Feuerwehr soetwas wie Tradition überhaupt brauchen, weil die Tradition meist ein abwehrendes, folkloristisches Argument in einer hedonistischen Gesellschaft ist.

Genau darin liegt das Problem: Jeder braut sich seine Tradition selbst, mit allen Zutaten, die er benötigt und mit allen negativen Folgen. Die eine bundeseinheitliche Traditionspflege gibt es nicht. Ich bin der Meinung, dass es dieser bedarf und dass diese explizit niedergeschrieben werden sollte. Feuerwehrbeamte schwören auf das Grundgesetz – im Ehrenamt gilt das Ehrenwort. Warum nicht symbolisch mit Eintritt den Schwur auf Verfassung und die Werte der Feuerwehr?

In den letzten Jahren war in den Medien immer wieder zu lesen, dass die Feuerwehr bewusst für politische Zwecke missbraucht oder sogar politisch unterwandert wurde. Es vergeht kein Tag, an dem nicht über groteske Streitereien zwischen Feuerwehrangehörigen und Wehrführung, zwischen Feuerwehr und Politik, zwischen Abteilungen untereinander die Rede ist – ausgetragen auf dem Rücken der zu schützenden Bevölkerung, die sogleich in Geiselhaft genommen wird, indem die Drohung formuliert wird, nicht mehr zum Helfen zu kommen, wenn die 112 angerufen wird.

Das Wesen der Feuerwehr zu verstehen, ist nicht einfach! Auch wenn ich religiöse Attribute in der Feuerwehr des Neutralitätsgebots wegen und aus persönlichen Gründen ablehne, so erscheint mir die Legende um St. Florian als neutrales Symbol in Verbindung mit dem Gedenken am „internationalen Tag der Feuerwehrleute“ als geeigneter Spiegel dessen, wofür die Feuerwehr steht: Wir helfen allen und stellen persönliche und politische Streitigkeiten dafür zurück!

Fußnoten

[1] Punkt 1.1, Volltext des Entwurfs unter http://augengeradeaus.net/2017/11/dokumentation-entwurf-des-neuen-traditionserlasses-der-bundeswehr/

[2] Artikel „Tradition“ in der Wikipedia, abgerufen am 10.04.2018 https://de.wikipedia.org/wiki/Tradition

[3] Die Autoren des Roten Hefts Nr. 100 „Ethik in der Feuerwehr“ nennen in Anlehnung an die zehn Gebot der christlichen Glaubenslehre zehn Werte, die dem Feuerwehrangehörigen als Leitlinie dienen sollen: Verantwortungsbewusstsein, Ehrlichkeit, Genügsamkeit, Selbsteinschätzung, Treue/ Solidarität, Sorgfalt, Wertschätzung, Zielorientierung und Vertrauen/Glaubwürdigkeit.

[4] Vgl. auch „Armseliges Feuerwehrhero-Gesabber“ (http://www.feuerwehr-weblog.org/2012/10/23/armseliges-feuerwehrhero-gesabber/) vs. „Drunter und drüber – Was zieh ich bloß an“ (http://www.feuerwehr-weblog.org/2012/09/05/drunter-und-druber-was-zieh-ich-blos-an/)