Seit vergangener Woche bin ich von einem Lehrgang zurück und um eine Erfahrung reicher: Die Führungskräfte in der Feuerwehr werden immer jünger. Es ist ein eigenartiges Gefühl, sich mit 33 Jahren als einer der Opas im Lehrsaal zu fühlen, wenn in der Reihe vor, in der Reihe dahinter, links und rechts daneben Kameraden um Mitte 20 sitzen. (Keinesfalls möchte ich damit zum Ausdruck bringen, dass Kameraden unter 30 nicht für Führungsaufgaben geeignet sind).
Ich denke, meine Feststellung ist eine der ersten Folgen des demographischen Wandels. Das Personal in den Feuerwehren wird knapper und auch die jüngeren müssen immer früher Führungsaufgaben übernehmen. Klar, Altersausreißer nach oben und unten gab es immer, doch, das glaube ich zumindest, nicht so massiv wie derzeit.
Dies und auch die Vorschau in einer Feuerwehrzeitschrift, ließen mich erinnern, dass ich einen halbfertigen Beitrag zum Thema Demografie und Feuerwehr in den Untiefen meiner Dropbox verstauben lasse. Problematisch wird es für mich dann, wenn ich versuche, einen Überblick über die gelesene Literatur zu bekommen. Das war sehr viel. Infolgedessen hat sich mein Meinungsbild verfestigt, eine Ansicht, die nicht jedem gefallen dürfte. Vielleicht ist meine Beobachtung Ansporn, mich endlich wieder diesem Thema und dem Text zu widmen – so aus der Sicht eines „Feuerwehr-Opas“.
Ich werde mich im April mit meinen gerade mal 24 Lenzen auf dem F3 wieder finden… Wir haben Kameraden die mit 21 den F3 gemacht haben.
Eric
Herzlichen Glückwunsch zum wohl bestandenen Lehrgang! Führungsaufgaben sollen ja neben den schon erkannten Unannehmlichkeiten auch ein bißchen Freude bereiten.
Zum Thema: ja, es ist ein Wandel zu erkennen. Mitte der 90er sah es bei den von mir wahrgenommenen Freiwilligen Feuerwehren noch so aus, dass man mit ca. 20 Truppmann wurde, mit ca. 30 eventuell Truppführer, bei besonderer Eignung und Durchhaltevermögen mit ca. 40 Gruppenführer, mit ca. 50 Zugführer und etwa mit 60 dann kurz vor Übernahme in die Altersabteilung dann Stadtwehrführer/Kreisbrandmeister/…
Im neuen Jahrtausend ging es dann plötzlich schneller: mit 21 Truppführer, mit 22 Gruppenführer, mit 29 Zugführer und auf den landesweiten Lehrgängen insgesamt spürbare Absenkung des Altersdurchschnitts. Zudem Teilnehmer erlebt, die mit ca. 25 Jahren zum stellvertretenden Stadtwehrführer vorgesehen waren.
Mögliche Ursachen:
- Personalmangel im “Mittelbau”
Wenn lange Zeit keine Personalplanung vorhanden war und schließlich die wenigen ausgebildeten Kräfte zwischen 30-50 aufhören, umziehen, sich auf Familie konzentrieren, beruflich verändern mit weniger Zeit für das Ehrenamt oder aus anderen Gründen nicht mehr zur Verfügung stehen, wird es knapp für eine Einheit.
- Gestiegene Anforderungen Führungslehrgänge
Unsere ehemaligen Gruppenführer hatten nach Grundlehrgang eventuell noch den Sprechfunklehrgang besucht, auf dem Lehrplan stand häufig noch “Schräubchenkunde” mit viel Auswendiglernen und die Praxis beschränkte sich meist auf das Aufführen des “Hofballets” mit Vornahme von 3 C-Rohren nach alter FwDV 4.
Heute wird (zurecht) die Komplettausbildung mit Truppführer, ABC-Ausbildung und Maschinistenlehrgang verlangt samt voller gesundheitlicher Eignung und Befähigung zum Leitersteigen. Die Theorie “beschränkt” sich auf eigentliche Führungslehre und die praktische Ausbildung orientiert sich am vielfältigen Einsatzgeschehen.
Wenn ein engagiertes Mitglied aus der JF heraus die Lehrgänge während seiner Berufsausbildung/Studium schnell durchzieht, die neuesten Lehrinhalte gerade präsent hat, noch körperlich fit ist und sich allgemein als Führungskraft eignet, kann das Alter nur noch nachgeordnete Rolle spielen. Mit jedem Jahr steigt zwar die Einsatz- und Lebenserfahrung, aber halt auch das Risiko wegen Zeitmangel/Krankheit/neu verlangter Voraussetzungen etc. die Qualifikation nicht mehr erlangen zu können.
- Gestiegene Beachtung von Vorschriften/selbstgesetzte Vorgaben
Brandschutzbedarfspläne, Ausbildungsvorschriften, Dienstanordnungen und viele Regelwerke mehr verlangen für Tätigkeiten aller Art qualifiziertes Personal samt Führung/Kontrolle/Sicherheit. Ausbilder Feuerwehr, Jugendwart, Leiter Brandsicherheitswache, Verwaltung Löscheinheit, Einsatzleiter -> alles Führungsaufgaben mit Grundqualifikation und ständiger Fortbildung. Zudem setzt sich das Bewusstsein durch, dass eine Gruppe = 1 Gruppenführer nicht ausreicht. Von der Qualifikation her sollen allein in einer Gruppe Gruppenführer, Melder, Angriffstruppführer und Wassertruppführer nach Möglichkeit gleich gut ausgebildet sein (Erkundung außen/innen, Sicherheitsvorhaltung). Und die Vorgesetzten wissen inzwischen auch etwas mit Organisations- und Auswahlverschulden anzufangen. Dabei spielt meist mehr eine Rolle, ob jemand etwas offiziell “darf” dank Qualifkationsnachweis statt dass jemand etwas “kann” dank langjähriger Erfahrung/Naturtalent.
- veränderte Bildungslandschaft
Früher: viele Hauptschüler mit anschließender Lehre (fertig mit ca. 18), einige Realschüler mit anschließender Berufsausbildung (fertig mit ca. 20), wenige Gymnasiasten mit anschließender Hochschulausbildung (fertig mit ca. 25).
Heute: wenige Hauptschüler mit anschließender langer Lehrstellensuche (“fertig” mit …), einige Realschüler mit anschließender Lehre und Weiterbildung (“fertig” mit ca. 19-…), viele Gymnasiasten mit anschließender Berufs- oder Hochschulausbildung (“fertig” als Bachelor mit 20, …). Dazu aber ständige Aus- und Weiterbildung auf allen Ebenen völlig selbstverständlich. Auch der “fertige” Handwerksmeister muss jährlich neue Qualifkationsnachweise, Seminare und ähnliches erbringen.
In der Realität sieht das Ergebnis dann inzwischen häufig so aus:
- generell zu wenig Leute für alle Aufgaben
- Nachwuchskräfte eigentlich nur noch aus eigener JF, kaum Quereinsteiger
- Unter den jungen Einsatzkräften entweder körperlich geeignetes Personal mit Zeit, dafür ohne Lehrstelle und mit Bildungseinschränkungen oder aber hoch qualifiziertes Personal, dafür häufig mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen oder Mehrfachbelastung/Zeitmangel
- damit enges Zeitfenster für Lehrgangslaufbahn im Ehrenamt mit einer Tendenz das wenige vorhandene und fähige Personal so schnell und umfassend wie möglich auszubilden
Julius
Besser hätte ich es auch nicht zusammenfassen können.
Der These mit dem fehlenden Mittelbau stimme ich Dir zu, erlebe ich dies doch gegenwärtig in meinem Zug: Zwischen 30 und 40 gibt es kaum jemanden, bis 45 nur wenige mehr. Viele unter 30 und viele über 45.
Über die Ursachen, die 10 bis 15 Jahre zurückliegen müssen, kann man jetzt streiten. Fakt ist aber auch, dass man als Mittelbauteil mit Familienplanung/-umsetzung beschäftigt ist, und damit weniger Zeit für die FF bleibt (Vgl. meine Kolumen vor einige Wochen hier).
Interessanter finde ich die Frage nach der intellektuellen/charakterlichen Reife. Am Alter fest machen lässt sich das zum Glück nicht. Ich stelle mir vor, ich wäre nach meinen Ausbildungen (TM, PA, Funker, TF innerhalb von zwei Jahren!) mit 21 auf den GF-Lehrgang geschickt worden. Ich glaube nicht, dass ich den persönlichen Anforderungen gewachsen gewsen wäre, weil mir einfach Erfahrung gefehlt hätte.
galaxyquest